Die folgenden Artikel bereiten auf den Schwerpunkt der Jahrestagung vor.

 
 

Pfr. Dr. Wolfgang Tischendorf "Das Evangelische Gottesdienstbuch im Blick hochkirchlicher Liturgik"

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P. Udo H. Beucker, "Die Revision des Deutschen Meßbuchs der Römisch-Katholischen Kirche"

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P. Udo H. Beucker, "Rezension: Joseph Kardinal Ratzinger, Vom Wesen der Liturgie"

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Pfr. Hans-Michael Uhl, "Das Leid in der Welt und das Zeichen des Kreuzes - die Kreuzesreliquien..."

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Das Evangelische Gottesdienstbuch im Blick hochkirchlicher Liturgik

0. Vorbemerkungen

Seit dem 1. Advent 1999 ist das Evangelische Gottesdienstbuch (EGB) im Bereich der Evangelischen Kirche der Union und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands eingeführt. Erstmals können Gemeinden aus 15 Gliedkirchen der Evangelischen Kirche Deutschlands ein gemeinsames Agendenwerk für den Gottesdienst an den Sonn- und Feiertagen verwenden. Die jahrzehntelange Vorarbeit der an diesem Werk beteiligten Kommissionen und Einzelpersonen hat Früchte getragen. Schon an seinem Äußeren erkennen wir, dass wir es mit einem Buch zu tun haben, das für den praktischen Gebrauch im Gottesdienst bestimmt ist. Im klassischen Rot der Agende gehalten, versehen mit dem sinnvollen, in Silber geprägten Zeichen des Gemeindeschiffes, das in der Welt unterwegs ist, und ausgestattet mit sieben, etwas sehr schmalen Lesebändchen, stellt es ein würdiges und mit seinem 680 Seiten auch gewichtiges Buch dar, das den Vorstellungen von einer Altaragende entspricht.

Der erste Blick in das Innere des Buches erfreut das Auge. Es ist teilweise im Dreifarbendruck gehalten, bestimmte Passagen wurden unterlegt gedruckt, die Schriftfonds sind angenehm und verhelfen dem mit den Abkürzungen und Zeichen (S. 11) vertrauten Leser zu einem schnellen Überblick. Auch die Notensätze sind klar und übersichtlich ausgeführt.

Wer allerdings dieses Buch am Tage seiner Einführung auf den Altar gelegt hat, wird recht bald gemerkt haben, dass es sich hierbei nicht um eine Agende herkömmlichen Stils handelt. Es ist uns hier ein Buch für den Gottesdienst in die Hand gegeben worden, das eine Mischung aus liturgischem Handbuch, Arbeitsbuch für die Gestaltung von Gottesdiensten und agendarischen Abläufen darstellt. Die theologische Bandbreite des Buches, die lutherische, unierte und reformierte Gemeindeglieder in gleicher Weise erreichen will, die Fülle des Stoffes und die vielfältigen Möglichkeiten der Auswahl, wirken auf dem ersten Blick verwirrend und führen zu besorgten Fragen nach der Identität des Gottesdienstes, der Nachvollziehbarkeit bestimmter Formen durch die Gemeinde und der Einheit des Gottesdienstes. Wird hier nicht der Beliebigkeit gottesdienstlicher Formen Tor und Tür geöffnet? Die nachfolgenden Gedanken wollen eine Hilfe und Anregung für den Gebrauch des Gottesdienstbuches sein und den Blick schärfen, ob und wie das neue Evangelische Gottesdienstbuch auch unter hochkirchlichen Gesichtspunkten Verwendung finden kann. Sie möchten anregen, dieses Buch nicht unbesehen beiseite zu legen und alles beim Alten zu lassen, sondern es mit seinen Intentionen fruchtbar zu machen für die „schönen Gottesdienstes des Herrn“ (Ps. 27,4).

1. Intention und Kriterien

Einen lebendigen Gottesdienst mit der Gemeinde zu feiern, das sollte eines der Hauptanliegen jedes hochkirchlich geprägten Pfarrers und Mitarbeiters sein. Schon beim Lesen des Vorwortes stellen wir fest, dass dieses auch das Ziel des EGB ist. Dabei geht es nicht darum, den jeweils gültigen modischen Geschmack in Musik und Sprache zu übernehmen, sondern „Der Gottesdienst wird lebendig durch die gegenseitige Durchdringung von Alltagserfahrung, biblischer Wahrheit und geistlicher Ermutigung. Er braucht das alltäglich Vertraute und das Archaische, das sich erst mit der Zeit erschließt.“ (6) Wenn mit diesem Gottesdienstbuch „Liturgien für unterschiedliche Gelegenheiten“ und Anregungen für die „dynamische Gestaltung der Gottesdienste“ gegeben werden sollen, können wir davon ausgehen, dass das ganze breite Spektrum der evangelischen Gottesdienstfrömmigkeit damit erreicht werden soll – also auch die der hochkirchlichen Bewegung innerhalb der evangelischen Kirche. So gilt auch ihr die Ermutigung, „weiterhin das Beständige zu pflegen, das Neue zu wagen, die gottesdienstliche Gemeinschaft, die den Nächsten wahrnimmt, zu stärken und sie vor allem offen zu halten für die Menschen unserer Zeit“.(6)

Bereits in den unterschiedlichen Begriffen „Gottesdienstbuch“ und „Agende“, die im Titel nahezu gleichrangig genannt werden, ist die Grundkonzeption dieses Buches erkennbar. Der Begriff „Gottesdienstbuch“ lenkt den Blick in Richtung Werkbuch, Handbuch oder Fachbuch für die Gestaltung von Gottesdiensten. Hier können Anregungen und Sachinformationen (Liturgiedidaktik) für die Gottesdienstgestaltung entnommen werden. Der Begriff „Agende“ dagegen erinnert an die Verbindlichkeit, die nötig ist, um der gesamtkirchlichen Verbundenheit willen. Die beiden Begriffe zeigen die Spannung auf, die zwischen einer jeweils auf die konkrete Situation einerseits und auf die Universalkirche andererseits bezogenen Gottesdienstgestaltung besteht. Das EGB schafft keinen Freibrief für liturgischen Separatismus bestimmter Gruppen innerhalb der evangelischen Kirche oder liturgischen Individualismus von Pfarrern, Kantoren oder anderer an der Gottesdienstgestaltung beteiligter Personen. Es wird sichtbar, dass die Gestaltung des Gottesdienstes nach dem EGB ein hohes Maß an liturgischer Fachkompetenz auf der einen und Einfühlungsvermögen in die Gemeindesituation auf der anderen Seite bedarf. Bei der Entstehung des EGB haben sich sieben Kriterien herausgebildet, die auf den Seiten 15 und 16 genannt werden. Unter hochkirchlichem Blick sind besonders die Kriterien 2, 3, 4 und 6 von besonderer Bedeutung:

„2. Der Gottesdienst folgt einer erkennbaren, stabilen Grundstruktur, die vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten offen hält.“(15) Die Grundstruktur, die auf den abendländischen Messtyp zurückgeht, hat als die beiden Kernpunkte die Verkündigung und die Mahlfeier. Es entspricht dem Ziel der hochkirchlichen Bewegung, dass wieder jeder normale evangelische Sonntagsgottesdienst als ein Gottesdienst mit Heiligem Abendmahl gefeiert wird.

„3. Bewährte Texte aus der Tradition und neue Texte aus dem Gemeindeleben der Gegenwart erhalten den gleichen Stellenwert.“ (15) Die hochkirchliche Bewegung verwendet im Gottesdienst zahlreiche Texte aus der Geschichte der Gesamtkirche, deren geistliche Ausstrahlungskraft bekannt ist. Sie kennt und praktiziert allerdings auch die Suche nach modernen Texten, Bildern und Sprachgestalten.

„4. Der evangelische Gottesdienst steht in einem lebendigen Zusammenhang mit den Gottesdiensten der anderen Kirchen in der Ökumene.“ (15) Die hochkirchliche Bewegung ist von ihren Ansätzen und seit ihrer Entstehung eine ökumenisch ausgerichtete Bewegung. Dazu werden wir unter Punkt 3 mehr hören.

„6. Liturgisches Handeln und Verhalten bezieht den ganzen Menschen ein; es äußert sich auch leibhaft und sinnlich.“ (16) Siehe dazu Punkt 6. Wenn hier nur diese vier Kriterien ausdrücklich genannt werden, bedeutet dies in keinem Fall, dass im Blick der hochkirchlichen Bewegung die hier nicht ausdrücklich benannten Kriterien unwichtig wären. Es handelt sich hier lediglich um eine besondere Akzentsetzung, die anders geprägte Strömungen in der evangelischen Kirche anders setzen würden.

2. Grundstrukturen und Ausformungsvarianten

Wie schon im Begriffspaar „Gottesdienstbuch“ und „Agende“ ersichtlich, ist das EGB keine Agende herkömmlicher Art, in der von der jeweiligen Kirche festgelegt wurde, was im Gottesdienst zu tun ist. Das EGB ist vielmehr ein Hilfsbuch, das zwei Grundstrukturen als Rahmenordnungen und dazu eigene Liturgien als Beispiele für Ausformungsvarianten bietet. Die beiden Grundformen, die man traditioneller Weise auch mit dem Begriff „Ordinarium“ bezeichnen könnte, werden zurückgeführt auf zwei abendländische Gottesdiensttraditionen:
- Grundform I: die Tradition des abendländischen Messgottesdienstes
- Grundform II: die Tradition des spätmittelalterlichen (oberdeutschen) sog. „Prädikantengottesdienstes“, der ursprünglich nie eine eigener Vollgottesdienst war, sondern neben dem Messgottesdienst bestand.

Sie bilden die Grundstrukturen, die nach traditionellen, situationsbezogenen und aktuellen Anforderungen dynamisch ausgestaltet werden sollen. Die Kriterien dazu können nicht in einem Buch festgeschrieben werden. Das EGB bietet die Grundform an und schafft im übrigen Raum für den aktuellen Gebrauch. „Dies entspricht dem doppelten reformatorischen Grundansatz: Eine bestimmte Gestalt gottesdienstlicher Ordnung ist nicht heilsnotwendig und darf nicht als Gesetz auferlegt werden; andererseits ist ein gewisses Maß an Gemeinsamkeit in den Gottesdiensten um der Liebe willen notwendig geboten, damit die Gemeinschaft mit anderen Gemeinden innerhalb der eigenen Kirche und mit anderen Kirchen gewahrt wird“ (17f). Dieses kann auch die hochkirchliche Bewegung für sich in Anspruch nehmen. Sie wird besonders die Grundform I als einen verbindlichen Rahmen übernehmen können und diese im Sinne der dreifachen Verbundenheit
- „mit der Kirche aller Zeiten und Orte
- mit den Gemeinden einer Region und
- innerhalb der einzelnen Gemeinde“ (18)
mit eigenen liturgischen Stücken ausgestalten. Sie kann von dem ausdrücklich genannten Anliegen des EGB ausgehen, dass auch „Gemeinden Formen und liturgische Stücke aus dem gottesdienstlichen Leben von Kommunitäten aufnehmen“ (16) sollen. Diese Kommunitäten sind in der Regel ökumenisch ausgerichtet und so ist das EGB „eine Hilfe auf dem Weg zu einer erfahrbaren Gemeinschaft der Kirche“ (16). Das führt uns zur Frage nach dem ökumenischen Anliegen des EGB.

3. Das ökumenische Anliegen

An mehreren Stellen und in verschiedenen Zusammenhängen wird im EGB auf das ökumenische Anliegen Bezug genommen. Schon seine Entstehung, selbst als Agende I für die VELKD und die EKU, weist uns darauf hin, dass es ein verschiedene Kirchen verbindendes Anliegen hat. Es wird als Ergebnis der „spirituellen und liturgischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte“ (13) gewertet. Weiterhin werden in der Einführung des EGB als Impulse für die diese Entwicklung und damit letztlich für die Entstehung des EGB genannt: neue geistliche Aufbrüche (Kirchentag, Taizé, Charismatische Bewegung) liturgische Impulse aus der Ökumene (Weltgebetstag der Frauen, Thomasmesse, Solidaritätsaktionen mit Völkern, die von Unterdrückung, Not und Krieg bedroht sind u. ä.) unmittelbare ökumenische Begegnungen (mit Kirchen in aller Welt, unter ihnen mit der römisch-katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche) eigene neue liturgische Formen (u. a. Familiengottesdienste, Jugendgottesdienste) vertiefte Besinnung auf die allen Kirchen gemeinsamen Wurzeln in jüdischen Gottesdiensten und in den Anfängen der Kirche wachsende Sensibilität für Symbole und Riten (13) Das EGB legt Wert darauf, ein „reformatorisches Gottesdienstbuch mit einem eigenen Profil“ (13) zu sein und darin aber „dem weitgehend übereinstimmenden Grundgefüge und den elementaren Stücken, die den mannigfaltigen Liturgien aller christlichen Kirchen zu eigen sind“ (13) zu folgen. Beide Grundformen werden, auch wenn das in der Praxis so noch nicht überall gehandhabt wird, als Gottesdienst mit eingeschlossenem Heiligen Abendmahl gestaltet und bleiben „darin in der Einheit mit den Feiern der weltweiten Christenheit“ (14). Besonders die Grundform I in der Tradition des lateinischen Messgottesdienstes ist, da sie „dem lutherischen, anglikanischen, römisch-katholischen und neuerdings auch dem englischsprachigen Gottesdiensten der Reformierten und der evangelischen Freikirchen zu Grunde liegt ... für alle ein Zeichen ökumenischer Gemeinschaft“ (24). Wie bereits angesprochen, ist eines der sieben Kriterien des EGB ein Ausdrücklicher Hinweis darauf, dass der evangelische Gottesdienst „in einem lebendigen Zusammenhang mit den Gottesdiensten der anderen Kirchen in der Ökumene“ (15) steht. Er ist offen „für den Reichtum der Spiritualität in den anderen Kirchen“ (15). Hier wird aufgerufen, diese Formen nicht nur aus der Ferne zu betrachten, sondern sie, wenn dieses gegenüber der Gemeinde zu verantworten ist, auch auszuprobieren und zu übernehmen.

4. Stichwort Eucharistie

Eines der wichtigsten Anliegen der hochkirchlichen Bewegung war von Anfang an, dass der Gottesdienst als Eucharistiefeier im Mittelpunkt der Gemeindearbeit steht. Es ist von daher von besonderem Gewicht, wenn im EGB als Intention zu lesen ist: „Die Grundform I schließt in ihrer vollen Gestalt und Intention die Feier des heiligen Abendmahles ein.“ (14) Bei den Hinweisen auf die Gestaltung des Abendmahlsteiles wird erläutert, dass der elementare Kern des Abendmahls die Einsetzungsworte und die Kommunion sind. Dieser Kern wird umschlossen von verschiedenen Gebeten und Gemeindegesängen. Es wird weiterhin erwähnt, dass einige Kirchen das Abendmahl in einer auf die wesentlichen Elemente (Einsetzungsworte und Vaterunser) konzentrierten Form feiern, „um den engen Zusammenhang von Einsetzungsworten und Empfang des Abendmahls“ (34) zu betonen. Die Intention des EGB bringt allerdings der sich anschließende Satz zum Ausdruck: „Jedoch haben die meisten Kirchen des Westens die klassische ökumenische Abendmahlsliturgie beibehalten. In neuerer Zeit wurden sie durch altkirchliche Abendmahlsgebete (Anamnese, Epiklese, eschatologischer Ausblick) entfaltet.“ (34) Sodann wird auf den „Rühmungscharakter der ganzen Abendmahlshandlung (Eucharistie)“ (34) besonders hingewiesen. Diese Intention hat scheinbar zu verschiedenen Konsequenzen geführt: dass der Begriff „Eucharistie“ an verschiedenen Stellen benutzt wird (S. 46 und 55: Eucharistiegebet, S. 159 eucharistisches Tischgebet, 160: eucharistische Feier u. a.) die Präfation im reformatorischen Bereich wird als „Eucharistia“ bezeichnet (614) es wurde eine große Anzahl von Präfationen (614 ff.) und Eucharistiegebeten (633 ff.) im Textteil aufgenommen es erfolgt ein Hinweis auf die konsekratorische Kraft der Einsetzungsworte in den abendländischen Kirchen. Deshalb kann zum Brot- und Kelchwort „ein Kreuzzeichen über den Gaben hinzugefügt werden. Danach können die Gaben emporgehoben werden. (Elevation)“ (28) Im Gemeindeheft „Ordnungen für Gottesdienste in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens“ für das EGB werden die Einsetzungsworte ausdrücklich als „Konsekration“ benannt (Ss. 9, 18, 28, 32). In den Erläuterungen des EGB zu den verschiedenen Aspekten der Eucharistiegebete (Lobpreis, Anamnese, Epiklese, Ausblick auf endzeitliche Vollendung) wird allerdings extra darauf hingewiesen, dass sie das gesamte Geschehen der Abendmahlsfeier betreffen und das „Geheimnis des Glaubens“ nicht „an einem bestimmten Punkt festmachen“ (633) wollen.

Die insgesamt 14 verschiedenen Hochgebete sind von Gestalt und Inhalt sehr unterschiedlich geprägt. Hier gilt es unter hochkirchlichem Aspekt verantwortungsvoll auszuwählen, da sich ja besonders die Frage nach der Gabenepiklese stellt. Wir finden sowohl Gebete mit Gabenepiklese vor den Einsetzungsworten (80 = Liturgie I ohne Noten, 634, 635/639, 656), mit Gabenepiklese nach den Einsetzungsworten (113 = Liturgie I mit Noten, 642) und Hochgebete ohne ausdrückliche Gabenepiklese, allerdings mit Kommunionepiklese bzw. ohne Epiklese (641). Nach der Grundintention des EGB können hier natürlich auch andere Eucharistiegebete oder Teile davon Verwendung finden, die in diesem Buch nicht ausdrücklich aufgenommen wurden!

5. Maria und die Heiligen

In der hochkirchlichen Bewegung gehören Marienfrömmigkeit und Heiligenverehrung zu den „ursprünglich eigene(n) liturgische(n) Schätze(n), die im Laufe der Zeit verschüttet wurden“ (15). Sie werden nun auch im EGB wiederentdeckt und können so für das Gemeindeleben fruchtbar gemacht werden. So wird z. B. Maria in den Tagesgebeten des 4. Advent: „du hast die Jungfrau Maria zur Mutter deines Sohnes erwählt“ und „dass wir mit Maria jubeln“ (251), am 25. 03., dem Tag der Ankündigung der Geburt des Herrn: „gib uns, wie Maria deine Gnade und Liebe zu empfangen in Demut und Vertrauen“ (427) und 02. 07., dem Tag der Heimsuchung Mariä: „gib, dass auch wir uns deinem Wort auftun wie Maria und deine Wunder preisen“ (433) in besonderer Weise genannt. Im Präfationsmittelteil dieser Tage heißt es: „Du erwähltest dir Maria als Mutter deines Sohnes Jesus Christus.“ (620). Im Gottesdienst mit reichen Interaktionsformen lesen wir im eucharistischen Gebet: „Darum preisen wir dich mit Maria, die Jesus geboren hat...“ (230). Das Eucharistiegebet auf S. 653 formuliert: „darum preisen wir dich mit der Jungfrau Maria, die Jesus geboren hat“, auf S. 656 heißt es in einem anderen Eucharistiegebet: „Sende herab den Geist, der Maria begnadet hat“. Auch das Abendmahlsgebet für einen Familiengottesdienst erwähnt Maria: „Er wurde ein kleines Kind, von Maria geboren“ (659).

Der Heiligen wird ausdrücklich in den Tagesgebeten des Propriums am Gedenktag der Heiligen (439) gedacht: „durch die Taufe hast du uns eingefügt in den vielstimmigen Chor deiner Heiligen, die dich rühmen im Himmel und auf der Erde: ihre Gemeinschaft stärke uns in den Wirren der Welt“; und „du rufst und in die Gemeinschaft der Heiligen, die zu allen Zeiten und an allen Orten deinen Namen verherrlichen“. Dazu sind auch Präfationen zu nennen, die ausdrücklich an die Heiligen erinnern, z. B.: die Mittelteile der Präfationen der Märtyrergedenktage und Vorbilder des Glaubens („preisen wir dich mit allen Heiligen und Vollendeten“ – 626) ebenso bei der Konfirmation (627) zur Bestattung bzw. des Gedenktages der Verstorbenen „mit ihnen und allen Vollendeten stimmen auch wir unser Lob an“ (629) S. 645 heißt es: „preisen wir dich mit allen Engeln und Heiligen“. S. 653 lesen wir: „preisen wir dich ... mit den Männern und Frauen, die Jesus nachfolgten“ In der Präfation S. 656 heißt es wieder: „Darum verkündigen und singen wir mit allen Engeln und Heiligen das Lob deiner Herrlichkeit.“

Die Marien- und Heiligenverehrung sind sicher keine ausgesprochenen Themen des EGB. Die ausgeführten Beispiele zeigen allerdings, dass auch diese Frömmigkeitsformen nicht mehr vergessen sind und diese sicher nicht ohne Absicht aufgenommen wurden.

6. Gott mit allen Sinnen loben

Das Kriterium 6 des EGB: „Liturgisches Handeln und Verhalten bezieht den ganzen Menschen ein; es äußert sich auch leibhaft und sinnlich“ nimmt ebenfalls ein hochkirchliches Anliegen auf. Es soll hierbei nicht um eine Geringschätzung der Predigt gehen, zugunsten von Symbolen und rituellen Handlungen. Vielmehr wird mit Nachdruck darauf verwiesen die Hochschätzung der Predigt als besonderes Merkmal evangelischen Gottesdienstes nicht dazu führen darf, „dass der Gottesdienst einseitig intellektuell bestimmt wird“ (16). Die Einbeziehung von Symbolen, Gesten, Bewegungen und besonders auch musikalischer Formen führt in der Regel dazu, dass Gottesdienste als besonders ansprechend und feierlich wahrgenommen werden. Das EGB bringt dazu nicht nur viele Anregungen im Detail, sondern schafft auch die Offenheit, andere leibhafte und sinnliche Zeichen, die teilweise sehr alt sind und eine lange Tradition haben, zu verwenden. „Hierzu können sich die Gemeindeglieder mit ihrer Spiritualität und der Vielfalt ihrer Gaben einbringen und die Feier bereichern“ (16).

Ausdrücklich genannt werden außer der Musik: der liturgische Ein- und Auszug (37, 48) Blumen, Kerzen und andere Gegenstände (?), die zum Altar gebracht werden (210) besondere Formen der Verkündigung wie Sprechmotetten, Pantomime, Bildbetrachtungen (211), Anspiele (219) symbolische Aktionen (219) Litaneien (186, 217) Wallfahrten (208) und Prozessionen (219) Farbige Tücher, die den Altar besonders schmücken (230) Segenskreis und Segenstanz (236). Von der Intention her kann diese Aufzählung weitergeführt werden mit Weihrauch, farbigen Gewändern, bestimmten Gebetshaltungen, signatio crucis etc., die zwar nicht ausdrücklich im EGB genannt werden, aber ebenso dazu beitragen, den Gottesdienst mit allen Sinnen zu erleben und zu feiern.

7. Zur Rezeption des Evangelischen Gottesdienstbuches

´Hochkirchlich´ bedeutet nicht, an einzelnen gottesdienstlichen Formen mit möglichst langer Tradition festzuhalten, sondern zunächst geht es um die Hochschätzung der Kirche als Gesamtkirche. Von daher muss auch die Frage beantwortet werden, ob das EGB sich für Gottesdienste im hochkirchlichen Bereich eignet oder nicht. Als Fazit der in den vorherigen Punkten dargelegten Untersuchung, kann deshalb Folgendes gesagt werden: Das EGB kann von seiner Grundintention her auch im hochkirchlichen Bereich eingesetzt werden. Es sind bei genauerem Hinschauen mehr hochkirchliche Ansätze gefunden worden, als auf dem ersten Blick vermutet. Es verlangt gewiss ein hohes Maß an liturgischer Kompetenz und theologischer Reflektion von allen, die mit der Gottesdienstgestaltung betraut sind. Die entscheidende Schaltstelle ist der Übergang von der Grundform I zur ausgeformten Liturgie. Hier werden sicher eigene hochkirchliche Formen eingebracht werden müssen. Dazu ist dieses Gottesdienstbuch auch offen genug. Was nicht ausdrücklich geschrieben steht, kann dynamisch eingebracht werden, sofern es den Kriterien des EGB nicht wiederspricht. Es steht jedenfalls an keiner Stelle geschrieben, dass man sich auf die Textbeispiele beschränken muss, die innerhalb des EGB abgedruckt sind.

Problematisch wird es sicher dann, wenn einzelne Landeskirchen besondere Formen als die verbindliche Gottesdienstform innerhalb ihres Bereiches beschließen. Eine solche Engführung würde allerdings der Intention des EGB grundsätzlich zuwiderlaufen. Die Spannung zwischen der Intention des EGB und der erlebten Praxis in den Gemeinden bleibt sowieso bestehen – sie gehört zum reformatorischen Ansatz dazu und muss ausgehalten werden. Es ist bisher jedenfalls kein hochkirchliches Anliegen gewesen, dass in allen Kirchen und Gemeinden ein einheitlicher hochkirchlicher Gottesdienst gefeiert werden müsste.

Wo bleibt die Kritik? Im Detail gibt es sicher viele Kritikpunkte (z. B. Rubriken, Fürbittengebete, Unklarheiten in den Hochgebeten, Singbarkeit usw.). Bei solchen Kritikpunkten ist zunächst immer zu fragen, ob es eine Kritik an den Grundformen oder an den Ausformungen ist, die nicht unbedingt verwendet werden müssen. Es wird dann sehr schnell deutlich, dass sich viele kritische Fragen eigentlich erübrigen.

Dr. Wolfgang Tischendorf

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Die Revision des Deutschen Messbuchs der Römisch-Katholischen Kirche (RKK)

Mit diesem Artikel möchte ich auf die Jahrestagung der Hochkirchlichen Vereinigung 2000 vorbereiten, die sich schwerpunktmäßig mit dem Evangelischen Gottesdienstbuch (EGB) beschäftigen wird, aber auch einen Seitenblick auf den Stand der Messbuchrevision der RKK werfen wird, und Vorinformationen bieten, die den Einstieg in die Thematik auf der Tagung erleichtern. Ich beziehe mich dabei auf die im Internet veröffentlichten Informationen des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Ruhr-Universität-Bochum.

1. Die Arbeitsweise bei der Meßbuchrevision

Neben den Projekten der "Erneuerten Agende"(EA) und dem neuen EGB auf protestantischer Seite, hat es auch auf römisch-katholischer Seite das Bestreben gegeben, das seit 1975 in Dienst stehende Messbuch, bzw. dessen Texte (entstanden 1965-1975) auf ihre Eignung für den gottesdienstlichen Vollzug in den Gemeinden zu überprüfen, da inzwischen viele dessen Grenzen im Hinblick auf die Erfordernisse unserer Zeit spüren. Das dafür zuständige Gremium trägt den Titel "Internationale Arbeits-Gemeinschaft der Liturgischen Kommissionen im deutschen Sprachgebiet" (IAG). Die IAG umfasst alle deutschsprachigen Bistümer in Deutschland, Österreich, Schweiz, Belgien und Südtirol. Seit Januar 1988 arbeitet eine Studienkommission nun an der Neuauflage des Messbuches von 1975. Diese Studienkommission besteht aus sechs Arbeitsgruppen , deren Leiter wiederum in einem "Koordinierungsausschuss" zusammengefasst sind, der die Arbeit der sieben Arbeitsgruppen sichtet, erste Ergebnisse an die IAG berichtet und Anregungen weitergibt.

Wegen des sehr unterschiedlichen sprachlichen Gepräges in den fünf Sprachgebieten sind für jedes Sprachgebiet "Lokalgruppen" eingerichtet worden. In diesen Lokalgruppen entstehen die ersten Textentwürfe für die Revision. Die Textentwürfe werden zuerst von je zwei Lokalgruppen gesichtet und dann ins Plenum gegeben, das sich zweimal im Jahr zu mehrtätigen Sitzungen trifft. In diesen Sitzungen werden die Textentwürfe in ihre vorläufige Endfassung gebracht, die dann der IAG vorgelegt wird. Die IAG prüft die Textentwürfe und leitet sie dann seinerseits an alle Bischöfe im Sprachgebiet weiter. Zugleich werden die Texte auch schon praktisch von einigen Priestern erprobt.

Durch die Rückmeldungen der IAG, der sie praktisch erprobenden Priester und der Bischöfe, die in eine zweite Fassung eingearbeitet werden, entsteht schließlich die Fassung, die den Bischofskonferenzen zur Approbation vorgelegt wird. Selbstverständlich ist "Rom" auch in diesen Entscheidungsprozeß miteingebunden und erhält die Textfassungen ebenfalls zur Prüfung.

Beispielsweise hat die größte Kommission, die für die Gebetstexte (AG 3-Gebetstete), die aus 32 Mitgliedern besteht (Germanisten, Sprachwissenschaftler, Journalisten, Musikexperten und LiturgiewissenschaftlerInnen), 2000 Gebete und eine Vielzahl neu hinzukommender deutscher Eigengebete zu bearbeiten.

Die Ergebnisse der Studientage der Lokalgruppen bzw. der sieben Arbeitsgemeinschaften, und deren Erfahrungen, die bei der konkreten Arbeit an den Texten gesammelt werden konnten, sind in einen Leitlinienkatalog für liturgische Texte eingegangen, der 1995 veröffentlicht worden ist. Betrachtet man diese Leitlinien, stellt man fest, dass die Anliegen, Ergebnisse und Erfahrungen, denen ähneln, die auch bei der Arbeit an der EA gemacht bzw. aufgestellt worden sind.

2. Ein Blick auf die Leitlinien von 1995 der "AG 3 - Gebetstexte"

Grundsätzlich halten die Leitlinien fest, dass im Gefolge der Volk-Gottes-Theologie des II. Vatikanums die ganze Gemeinde Trägerin der Liturgie ist.

Liturgie wird als gott-menschliche Kommunikation begriffen, die gerade auch hinsichtlich ihrer Wort- und Sprachgestalt im Inkarnationsgeschehen gründet, in dem Gott selbst als Wort Fleisch geworden ist, um mit uns in Beziehung zu treten. Der Mensch, der zur Antwort ermächtigt ist, ist damit in seiner Geschöpflichkeit ernst genommen, vor allem in seiner Bestimmtheit durch das Wort. - Damit öffnet sich die AG 3 den Ergebnissen der modernen Sprachforschung und Linguistik, sowie der Philosophie des 20. Jahrhunderts, die im wesentlichen Sprachphilosophie gewesen ist, und will die Regeln und Erkenntnisse, die schon in der Seelsorge umgesetzt werden, nun auch für den liturgischen Bereich fruchtbar machen!

"Die Vielfalt der Liturgiesprachen, die der Unterschiedlichkeit der Menschen in ihrem Sprachausdruck Rechnung trägt, ist letztlich im Mysterium der Inkarnation begründet", so die Leitlinien. Und sie stellen weiter fest: "So wie die "Fleischwerdung" des Wortes ein Prozess ist, der sich in jeder Zeit und in jede Kultur hinein neu ereignet, so ist auch die Sprachgestalt, in der sich der Dialog zwischen Gott und Mensch in der Liturgie vollzieht, notwendigerweise der Wandlung unterworfen."

In der Revision der Texte geht es also darum, ob die Gebete im Hinblick auf die Gottes- und Weltwahrnehmung des heutigen Menschen ergänzt werden müssen und ob sie inhaltlich das, was sie sagen wollen und sollen auch für die heutigen Gottesdienst Feiernden noch angemessen zum Ausdruck bringen. - Kommunikation hängt bekanntlich an der möglichst störungsfreien Verstehbarkeit, der möglichst vollständigen Übermittlung des intendierten Inhalts ab.

Die Leitlinien sind in 47 Aspekte gegliedert, die grundsätzlich für jedwede Weiterarbeit an liturgischen Texten gelten könnten. Sie geben kurze Antworten zu den Kommunikationsbedingungen, den Rezipienten, dem Satzbaus sowie der Wort- und Lautgestalt.

So bleibt die liturgische Tradition der Kirche der bleibende Maßstab (1). Bewährtes soll bleiben (2). Aber es muss gegenwartsnah formuliert sein (4), also der Welterfahrung des heutigen Menschen und seiner religiösen Erfahrung Rechnung tragen, jedoch ohne das Sprachniveau der z.T. lateinischen Vorlagen zu unterschreiten (Vermeidung von Modewörtern (38) und kurzatmigem Zeitgeist (3)). Die Sprachform soll an der Sprache und Intention der Bibel(stelle) orientiert sein (5). Auch auf das ganzheitliche Menschen- und Gottesbild ist besonders zu achten (7), sowie, dass Ausgrenzungen von Menschengruppen geschehen (7b)(Forderung inklusiver Sprache(42)).

Aber auch Korrekturen sind gewollt und Variabilität erwünscht. So wenn die Gebete nicht aus sich selbst heraus verständlich sind oder durch die Aspektfülle des Gebetstextes dessen Funktion gestört wird. So sollen die Gebete grundsätzlich der jüdisch-christlichen beraka-Struktur (12)folgen und sind grundsätzlich an Gott, den Vater, zu richten (16) und daraufhin zu prüfen, inwieweit sie Ausdruck des Betens durch Christus in der geistgewirkten Einheit der Kirche sind (23). Dabei ist wieder darauf zu achten, dass die Sprache des Gebetes offen bleibt für die Situation und die Erfahrungen der Betenden (19), kurz, logisch stringent, verständlich (25-28) und prägnant bleibt. Es wird also mehr Gebete geben (9), die zudem auf bestimmte Menschengruppen und Situationen sprachlich zugeschnitten sind (10, 29b).

In den die Leitlinien Ergänzenden Kriterien für die einzelnen Gebetestextgruppen werden die Grundsätze aufgeführt, die z. B. für die Formulierung einer Anamnese oder eines Hochgebetes zu beachten sind. Dazu möchte ich aber nur ein paar Einzelheiten herausgreifen: So soll bei den Orationen für das Gedächtnis weiblicher Heiligen darauf geachtet werden welches Frauenbild in ihnen zum Ausdruck kommt. Bei den Messen für Verstorbene soll zukünftig nicht mehr nur für die Verstorbenen gebetet werden können.

Neu wahrgenommen wird durch die Studienkommission die Chance eigene genuin deutschsprachige Gebete zu formulieren, die auch auf die deutsche Kultur und Eigenart Rücksicht nehmen. Das ist sicher eine schwierige und große Aufgabe. Wenn das Messbuch darum nicht in diesem Jahr erscheint, sollte es uns darum nicht leid sein. Die Aufgabe ist gewaltig und verlangt viel Fingerspitzengefühl und abhören der Alltagssprache. Man darf gespannt sein.

Udo Hellmuth Beucker

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  Kardinal Joseph Ratzinger, Der Geist der Liturgie, Herder Verlag, Freiburg i. Br. 2000, 281 Seiten, 36.- DM, Neuauflage vorgesehen

Liturgische "Re"-flektionen

Kardinal Ratzinger hat schon viele Bücher geschrieben, aber dieses gehört mit zu den interessantesten, wenn es denn für sich beanspruchte in der öffentlichen Diskussion um das neue Messbuch richtungsweisend zu sein. Doch die Stimme des Kardinals wird nicht ungehört verhallen, so bleibt zu hoffen. Angesichts der Revision des Messbuches sind die Äußerungen Kardinal Ratzingers in diesem Buch geradezu erregend. Die angeführten Zitate sollen den Lesern Hunger nach "mehr" machen. Die Auswahl ist natürlich subjektiv und auf liturgische Zusammenhänge beschränkt, obwohl das Buch mehr enthält. Die Zelebration mit dem Gesicht zum Volk (versus populum) ist ja nicht nur ein Irrtum der damaligen Wissenschaft vor dem Konzil, bzw. der Periti/Berater und inzwischen wissenschaftlich widerlegt, sondern nun wird sie von Kardinal Ratzinger selbst vorsichtig aus sachlichen Gründen in Frage gestellt: "Nirgends im christlichen Altertum hätte eine Idee aufkommen können, der Vorsitzende eines Mahles müsse seinen Platz versus populum einnehmen. Der gemeinschaftliche Charakter eines Mahls wurde gerade durch die gegenteilige Anordnung betont, nämlich durch die Tatsache, dass alle Teilnehmer sich an derselben Seite des Tisches befanden. Dieser Analyse der ´Mahlgestalt´ ist nun freilich hinzuzufügen, dass die Eucharistie der Christen mit dem Begriff "Mahl" überhaupt nicht zulänglich beschrieben werden kann. Denn der Herr hat das Neue des christlichen Kultes zwar im Rahmen eines jüdischen (Pascha) Mahles gestiftet, aber nur dies Neue und nicht das Mahl als solches zur Wiederholung aufgetragen" (S. 68) und weiter "In Wahrheit ist damit (sc. mit der normativen Idee des ´Mahls`) eine Klerikalisierung eingetreten, wie sie vorher nie existiert hatte. Nun wird der Priester der Vorsteher, wie man ihn jetzt lieber nennt zum eigentlichen Bezugspunkt des Ganzen. Alles kommt auf ihn an. Ihn muss man sehen, ... seine Kreativität trägt das Ganze. Verständlich, dass man diese eben erst geschaffene Rolle nun wieder zu reduzieren versucht, indem man vielfältige Aktivitäten verteilt und die ´kreative` Gestaltung vorbereitenden Gruppen anvertraut, die vor allem `sich selbst einbringen` wollen und sollen. Immer weniger steht Gott im Blickfeld" (S. 69f).

Und so steht ja auch das Kreuz in katholischen Kirchen oft an der Seite des Altars und nicht mehr im Mittelpunkt. Ratzinger dazu, das Kreuz "sollte in der Mitte des Altares stehen und der gemeinsame Blickpunkt für den Priester und für die betende Gemeinde sein... . Zu den wahrhaft absurden Erscheinungen der letzten Jahrzehnte zähle ich es, dass man das Kreuz auf die Seite stellt, um den Blick zum Priester freizugeben. Stört das Kreuz bei er Eucharistie? Ist der Priester wichtiger als der Herr? Diesen Irrtum sollte man so schnell wie möglich korrigieren, das geht ohne neuerliche Umbauten"(S. 73).

Auch die eucharistische Anbetung betont Ratzinger ausdrücklich. Das was für uns schwierig ist und von Melanchthon und anderen als Aberglaube bezeichnet wurde, nämlich das Gebet vor dem ausgesetzten Allerheiligsten, sieht Ratzinger so: Die Eucharistie zu essen ist "ein spiritueller Vorgang. Ihn ´essen´ heißt: ihn anbeten. Ihn ´essen´ heißt: ihn einlassen in mich, so dass mein Ich umgewandelt wird ... So steht Anbetung nicht gegen Kommunion, auch nicht neben ihr, sondern Kommunion erreicht ihre Tiefe nur, wenn sie getragen und umfangen ist von der Anbetung. Die eucharistische Gegenwart im Tabernakel setzt nicht eine andere Auffassung von Eucharistie neben oder gegen die Eucharistiefeier, sondern bedeutet erst ihre volle Verwirklichung. Eine Kirche ohne eucharistische Gegenwart ist irgendwie tot, auch wenn sie zum Beten einlädt. Aber eine Kirche, in der vor dem Tabernakel das ewige Licht brennt, lebt immer, ist immer mehr als ein steinerner Bau ... Damit die Gegenwart des Herrn und konkret anrührt, muss der Tabernakel auch in der Architektonik des Kirchenbaus einen gebührenden Platz finden" (S. 74ff).

Der Verzicht und die Abnahme von Bildern ist für Ratzinger fast eine Leugnung der Inkarnation: die altkirchlichen Konzilien sehen "in der Ikone ein Bekenntnis zur Inkarnation .. und den Ikonoklasmus (Anm: Bilderstürmer) als Leugnung der Inkarnation, als Summe aller Häresien" (S. 105). Ein neuer Ikonoklasmus wurde "vielfach geradezu als Auftrag der II. Vatikanischen Konzils angesehen ... Der Bildersturm .. hat manches Klischee und Unwürdige beiseite geschafft, aber zuletzt auch eine Leere hinterlassen, deren Armseligkeit wir inzwischen wieder recht deutlich empfinden" (S. 112).

Zu Tanz und Beifall im Gottesdienst, den unser Evangelisches Gottesdienstbuch als Möglichkeit vorsieht und regelt, schreibt Ratzinger: "Der Tanz ist keine Ausdrucksform christlicher Liturgie. Gnostischdoketische Kreise haben ihn etwa im 3. Jahrhundert in die Liturgie einzuführen versucht. Für sie war die Kreuzigung nur Schein ... Vollkommen widersinnig ist es, wenn bei dem Versuch, die Liturgie `attraktiv´ zu gestalten, Tanzpantomimen womöglich von professionellen Tanzgruppen eingelegt werden, die dann häufig (von ihrer Anlage her zu Recht) in Beifall münden. Wo immer Beifall für menschliches Machen in der Liturgie aufbricht, ist dies ein sicheres Zeichen, dass man das Wesen der Liturgie gänzlich verloren und sie durch eine Art religiös gemeinter Unterhaltung ersetzt hat. Solche Attraktivität hält nicht lange; auf dem Markt der Freizeitangebote, der zusehends Formen des Religiösen als Kitzel einbezieht, ist die Konkurrenz nicht zu bestehen" (S. 170).

Der Kardinal macht darauf aufmerksam, wie oft die Evangelien beim Beten Christi das "Knien" erwähnen, zeigt, dass es dem Menschen ein adäquater Ausdruck in der Liturgie und in seinem Verhältnis zu Gott ist und nicht langsam aufgegeben werden darf, wenn sich im schleichenden Aufhören auch neuzeitliches Selbstbewusstsein des Menschen ausdrückt (S. 160). Mehrfach rät der Kardinal zur "Stille" und zur Beruhigung der Aktionen und Bewegungen im Gottesdienst (Ss.146, 182185): "Der fast theatralische Auftritt unterschiedlicher Akteure, den man heute besonders bei der Gabenbereitung erlebt, geht ganz einfach am Wesentlichen vorbei. Wenn die einzelnen äußeren Aktionen (deren es ja gar nicht viele sind und die man künstlich vermehrt) zum Wesentlichen der Liturgie werden und dieses selber in ein allgemeines Agieren ausartet, dann wird das eigentliche TheoDrama der Liturgie verfehlt und geradezu in eine Parodie verkehrt"(S. 150).

In diesen Zitaten zeigt sich Ratzinger als ein genauer Beobachter der Liturgie seiner Kirche, er sieht die Schwächen und Fehlentwicklungen und benennt sie offen, in einer Sprache, die in ihrer Deutlichkeit bei einem hohen römischen Diplomaten überrascht. Der evangelische Leser und Gottesdienstbesucher möge sich überlegen, wenn er das Buch, oder die Zitate liest, wie in seiner eigenen Gemeinde die Akzente verteilt sind und ob Gott selbst zu uns kommen kann, oder wir IHN durch uns verstellen.

Udo Hellmuth Beucker

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  (Anm. d. Red.: In Ariano Irpino, einem Ort in Italien, fand im März 2000 ein Kongress zum Thema: "Reliquienverehrung - Heute" statt, auf den Pfarrer Uhl gebeten war, aus evangelischer Perspektive eine Rede über Reliquienverehrung zu halten. Wir danken Pfarrer Uhl herzlich, dass er uns seinen Aufsatz zur Veröffentlichung überlassen hat.)

Das Leid in der Welt und das Zeichen des Kreuzes - die Kreuzesreliquien als Symbol einer Kultur der "Sym-pathie", der erlösenden Kraft des Leidens

Zur Einleitung: Mein Weg nach Ariano Irpino: Einige biographische Worte

Hochverehrte Gäste und Verantwortliche dieses "convegno internazionale"

Vielleicht können Sie verstehen, dass ich an dieser Stelle nicht einfach beginnen kann, einen Vortrag zu halten, ohne einige persönliche Worte voranzustellen und mit einigen persönlichen Worten zu diesem Vortrag hinzuführen.

Ich fühle mich als Fremder, als Gast, der einen weiten Weg hinter sich hat, da ich jetzt vor Ihnen stehe. Nicht so sehr, weil ich mit dem Auto von Rom hierher gefahren bin. Viele von Ihnen sind längere Wege gefahren oder geflogen als ich bis hierher. Auch nicht so sehr, weil das Italienische für mich auch nach fünf Jahren noch eine Fremdsprache ist und bleibt, mit der ich meine Mühe habe und mich noch nicht selbstverständlich verständige. - Ich fühle mich als Fremder, weil das Thema dieses Seminars, der Gegenstand und Ausgangspunkt der Betrachtung, mir als evangelischem Theologen fremd sein muss, und natürlich, weil das kirchliche Umfeld und der Rahmen, den sie im "Heiligen Jahr" für diese Veranstaltung geschaffen haben, mir nicht vertraut ist.

Ich freue mich, dass meine katholische Frau mich begleitet, dass wir gemeinsam diesen Weg gehen und diese Erfahrung machen, da auch auf katholischer Seite in Deutschland, aber auch in Frankreich, woher meine Frau stammt, das Thema "Reliquien" beinahe eine Tabuthema ist. Das heißt: Obwohl wir beide von hause aus vertraut sind mit der katholischen Kirche, da nicht nur die Familie meiner Frau katholisch ist, sondern auch mein Vater und dessen Familie katholisch sind, bewegen wir uns beim Thema "Reliquien" auf unvertrautem Terrain, dazu in einem geographischen Raum, den wir beide zum ersten Mal betreten haben.

Aber gerade als Fremder bin ich außerordentlich gerne zu Ihnen gekommen. Ich habe mich auf diesen Tag gefreut, weil ich mich durch das Wohlwollen und die Freundschaft zu P. Simone Fiorasco und P. Luca Zucchetti auf sicherem Boden weiß. Aber auch, weil Entdeckungsreisen in ein unbekanntes "Land" ihren besonderen Reiz haben und ihre besondere Verheißung für beide Seiten, die sich begegnen bereichernd sein können. Und so bin ich sicher, dass ich als evangelischer Gast an dieser Stelle davon profitieren werde, hier zu sein. Aber ich hoffe auch, dass die Tatsache meiner Gegenwart und meine Gedanken zu Ihren Überlegungen etwas beitragen kann und ihnen neue Perspektiven erschließt.

I "Wer unglücklich ist, ist selber schuld!" - vom käuflichen Glück in einer machbaren Welt

Es genügt, die Zeitung aufzuschlagen oder das Fernsehen anzuschalten, oder einfach durch die Straßen zu gehen, um unvermeidlich in eine Spannung zu geraten, die unsere Gegenwart bestimmt. Überall und in tausend Variationen begegnet mir die gleiche Botschaft: Du kannst das Glück kaufen! Und zu dieser Botschaft, dass das Glück in all seinen Variationen käuflich und erschwinglich ist, gehört natürlich im Umkehrschluss auch die andere Botschaft: Wenn Du nicht glücklich bist, dann bist DU daran schuld. Wenn du dick bist, wenn du hässlich bist, wenn du arm bist, wenn du krank bist, dann hast du einen Fehler gemacht, dann hast du an der falschen Stelle gespart oder an der falschen Stelle investiert. Der Traum vom Glück, das sich über ein Produkt erwerben lässt, ist der Motor des Konsums, und der Konsum treibt unsere Wirtschaft, und, so die allgemeine Überzeugung, die Wirtschaft ist die unverzichtbare Voraussetzung unserer Gesellschaft. Wir, und ich sage an dieser Stelle ganz bewusst "wir", wir glauben der Botschaft, der tausendfach wiederholten. Zumindest ist unser Widerstand dagegen schwach! Was könnten wir auch dagegen tun? Welche Mittel haben wir denn gegen die Macht der Werbung, gegen die großen suggestiven Bilder des käuflichen Glücks? Wie können wir die Unglücklichen trösten, die Schwachen, die Leidenden, die Armen, denen es nicht geglückt ist, Anteil zu gewinnen an der Gemeinschaft derer, die reisen, essen, sich bewegen und alt werden können?

Zaghaft sind die Versuche, andere Bilder ins Spiel zu bringen, andere Plakate, andere Lieder, Filme, Stars und Vorbilder. Der Traum von der Machbarkeit, der Manipulierbarkeit der Welt ist stark, und die Vorstellung, dass alles Leid nur ein zu korrigierender Steuerungsfehler in einer beherrschbaren Welt ist, dieser Traum dominiert immer noch das Bewusstsein unserer Gesellschaft.

II Die leichtherzige Umkehr eines evangelischen Theologen zu einer neuen Betrachtung der Kreuzesreliquien - denn die Zeit, da Reliquien magische Kraft zukam, ist doch überwunden!

Aus meiner evangelischen Perspektive ist auch die Reliquienverehrung oft und an vielen Orten der Kirchengeschicht von dem Versuch überschattet, das Glück, die Erlösung des Menschen instrumental beherrschbar zu machen. Die Botschaft, die die Gläubigen allzu oft hörten, auch wenn sie vielleicht explizit so gar nicht ausgesprochen worden war, und die die Gläubigen oft und allzu gern hörten, war: Hier ist das Mittel zum Heil. Du brauchst nur zu kommen. Du brauchst nur zu berühren. Du brauchst nur zu haben, zu erwerben. Und viele kamen, berührten, kauften, kämpften um den Gegenstand, die Sache - und doch stellte sich das Glück nicht ein, und doch kam das Gefühl befreiender Erlösung nicht auf. Die Magie des Gegenstandes verfehlte seine Wirkung in der Regel in der Frömmigkeitsgeschichte ebenso, wie in der "Konsumgeschichte". Und wir sind, so denke ich, heute als Theologen verschiedener Konfessionen darin einig, dass wir klar und deutlich aussprechen und immer wiederholen: Glück ist nicht im Haben oder Erwerben einer Sache, Erlösung von der Unerträglichkeit der Existenz nicht im Fahren und Leben an einem Ort der Träume, und es gibt nicht das Leben ohne Leid, das Ende aller Spannungen und Konflikte, die Ausschaltung aller Steuerungsfehler im komplexen Lebenssystem. Leben ist, Glück ist in der Spannung von Erfüllung und Leid, von gewinnen und so oft wieder verlieren - und Auferstehung ist nicht ohne Kreuzigung. Und es gibt kein Ostern ohne Karfreitag. Gott selbst in Jesus Christus ist diesen Weg gegangen, zeigt uns diesen Weg, führt uns durch das finstere Tal zum Licht, zur Erneuerung, zur Erlösung, aber eben durch das finstere Tal!

Und die Kreuzesreliquien sind jenseits allen Streites um ihre Historizität der unausweichliche Hinweis auf die Realität dieses Weges, den Gott in die Welt einzeichnet. Christus ist der Gekreuzigte, der Gefolterte, der Leidende. Es ist tatsächlich so, dass kein Weg daran vorbeiführt, dass Erlösung nur über Golgatha stattfindet. Das war kein Spiel, kein So-tun-als-ob. Das Kreuz gehört unbedingt zur Erlösungsgeschichte und die Reliquien verweisen auf die historische Tatsache der geschehenen Erneuerung des Heilsversprechens Gottes in Jesus Christus, und die Dornen sind Indizien der Tatsächlichkeit des damals Geschehenen, aber sie führen uns auch unvermeidlich vor Augen, dass auch heute der Weg der Erlösung, zum Glück der Menschen nicht anders sein kann. Die Dornen aus der Dornenkrone des Gekreuzigten können zum unüberbietbaren Gegen-Symbol werden, dass es auch unschuldiges Leiden gibt, dass die Freiheit nicht mit Geld aufzuwiegen ist, das wir die Weltwirklichkeit nicht wirklich steuern können, dass es der Gnade und der Barmherzigkeit bedarf, die in Jesus Christus ihren Grund hat, damit wir frei werden.

III Abstand von einer Magie der Reliquien und einem Historismus des Beweisenmüssens und Hinwendung zu einer Kultur von Akzeptanz und Aufstand angesichts des Leidens.

Was wäre denn bewiesen, wenn die Historizität der Reliquien lückenlos nachgewiesen wäre? - Können wir ernsthaft annehmen, dass auch nur ein Zweifler sich bekehren würde, wenn wir unzweifelhaft dokumentieren könnten, dass tatsächlich diese Dornen Christi Haupt gemartert haben? Der Glaube lebt nicht von Beweisen. Historische Recherchen sind begleitende Maßnahmen, können aber nie den Charakter der Verifizierung annehmen. Der Glaube hat seine eigene Evidenz und insofern hat die mittelalterliche Kirche auch Recht, wenn sie im Blick auf die Historizität der Reliquien keine sehr strengen Maßstäbe anlegt. Es geht im Blick auf die Reliquien doch um deren Hinweischarakter, nicht um ihren Beweischarakter! Es geht bei den Reliquien darum, dass sie das Evangelium handgreiflich illustrieren, nicht aber für die Wahrheit und Wahrhaftigkeit des Evangeliums einstehen müssen. Das Evangelium wäre auch wahr, wenn wir keine einzige Reliquie hätten, kein einziges Objekt aus jener Zeit.

Die Dornen insbesondere leiten uns an, Gottes Leiden an der Welt, sein "Mit-leiden" mit der Welt und die Fragen des menschlichen Leidens und der Erlösung überhaupt zu denken. Die Dornen sprechen vom gequälten Intensivpatienten, vom gefolterten Flüchtling, von der gequälten Kreatur schlechthin - und wir können doch dem Leiden nie entgehen. Schmerz und Tod, Unfall und Überlebenskampf sind Teil der unerlösten Weltwirklichkeit - und doch weisen die Dornen auch über den Moment der Qual und den Augenblick des Todes hinaus und sprechen von der Würde dessen, der das Leid trägt, von der Gnade für den, der dem Hass widersteht, der bereit ist, die Schuld der anderen zu tragen, von Gottes Geschenk der Freiheit jenseits der Erniedrigung. So geht es um Akzeptanz und Aufstand angesichts des Leidens; Klage zu führen gegen Hass und Habgier und gegen die Götzen unserer Zeit, die die Menschen täuschen und blind machen, betäuben und betrügen. Die erlösende Kraft im Leiden ist das Verstehen und Mitleiden, die "Sym-pathie" mit dem Nächsten, der Zuspruch des Trostes, den wir in Jesus Christus haben, aber auch das Erinnern an die Spielregeln, den Widerspruch Jesu gegen die Welt und ihre Eigengesetzlichkeit.

IV Der leidende Papst und der Jugendkult - die Symbolkraft einer historischen Persönlichkeit

Als Protestant kann ich ohne Emotionen und Vorbehalte über die Möglichkeit sprechen, dass es vielleicht doch nicht auszuschließen sein sollte, dass Papst Johannes Paul II angesichts seiner Hinfälligkeit zurücktreten könnte. Vieles spricht dafür. Auch die Fähigkeit eines Menschen, den keine Verfassung zwingt, sein Amt niederzulegen, auf seine Stellung zu verzichten, hätte eine hohe Symbolkraft.

Einstweilen aber ist Johannes Paul II in Amt und Würden und dies, als ein offensichtlich Leidender, in einer Zeit, in der Staatsoberhäupter gewählt werden, die auch durch ihre dynamische Sportlichkeit bestechen müssen und Manager gesucht werden, die mit dreißig Jahren alle akademischen Würden und gleichzeitig zehn Jahre Berufserfahrung haben sollten. Der "Kult um die Jugend" ist ein Zeichen der Zeit und wer nicht mehr jung ist, der muss wenigstens jugendlich sein, frisch und beweglich. Wem das Leiden anzusehen ist, der wird in Frührente geschickt oder zumindest aus der Vorzeigeposition geholt. So gesehen, hat der jetzige Papst, gerade weil er offensichtlich körperlich schwach und leidend ist, gerade darin eine besondere Bedeutung, eine historische Bedeutung, Zeugnis abzulegen von dem, was Paulus meint, wenn er schreibt: "Des Herrn Kraft ist in den Schwachen mächtig."(2Kor 12,9). Und dass gerade dieser Papst den Kontakt zu jungen Menschen sucht und auch findet, in einer Gesellschaft, in der "die Alten" so leicht abgeschrieben werden, auch das hat seinen besonderen Wert, seine symbolische Kraft. So sind die "Dornen" des Lebens und Leidens in der Nachfolge Christi nicht zu übersehen, aber immer auch die Hoffnung, die der Glaube ausstrahlt, unmittelbar spürbar. Ich denke, dass dieses "Heilige Jahr", dieses Jahr, in dem die christliche Botschaft insbesondere auf dem Prüfstand steht, seinen besonderen Charakter durch die Gestalt des kranken Papstes erhält, gerade in dieser Zeit der Vergötzung der Jugend und damit des Lebensabschnittes, der zumindest für die meisten Menschen von körperlichem Leiden frei ist.

V Die Gefahr der Idealisierung von Leid und Martyrium als Legitimation der Strukturen des Bösen

Wo aber der Leidende so zum Vorbild wird, dass das Leiden zum Wert an sich verkehrt wird, sind wir auf Abwegen, sind wir in der Gefahr dem Bösen Vorschub zu leisten, es zu unterstützen, indem wir in verklärter Überhöhung des Leidenden die Ursache des Leidens und den Peiniger vergessen. Das darf nicht sein. Wieder aus evangelischer Perspektive: Ich erinnere mich an die Seligsprechung der zum Katholizismus konvertierten, im KZ ermordeten Jüdin Edith Stein. Im Blick auf ihre Person schien mir die isolierte Betrachtung ihres Leidens und ihrer Leidensfähigkeit unangemessen abgehoben vom Kontext der Mitleidenden, Mitgefangenen und Mitgetöteten. Die "Dornen" haben keine Wert in sich selbst. Es kann nicht darum gehen, dem Martyrium einen eigenen Wert zuzugestehen. Es ist dort "wertvoll", wo es in Konsequenz des Lebenszeugnisses, wo es in biographischer Unausweichlichkeit unumgehbar ist. Leben bringt Leiden mit sich und also geht es darum, das Leiden ins Lebensganze mit hinein zu nehmen, nicht mehr. Wer das Leid sucht, wer es an und für sich zum Wert macht, nimmt ihm seine ihm eigene Würde.

VI Die Kreuzesdornen - Zeugnis der Leidenschaft (Passion) in Liebe für den Menschen - Ist die Distanz zu überwinden zwischen einem historischen Gegenstand von Interesse und seiner dynamischen Substanz für die Gegenwart?

Natürlich werden immer auch Menschen kommen, die neugierig angelockt werden von Reliquien und ihrer Geschichte. Wenn ich in Santa Croce in Gerusalemme die Reliquienkapelle sehe, so reißt der Strom der Touristen nicht ab, die einen kurzen Blick auf die "Kuriosität" werfen wollen, um sich dann anderen Attraktionen zuzuwenden. Und ich gestehe, dass die Präsentation der Reliquien in Rom, dieses Verhalten noch fördert: Hinter Panzerglas verschlossene "Objekte" von unschätzbarem Wert. Da muss Distanz entstehen und die Vorbehalte wachsen.

Und ich war sehr neugierig zu sehen, ob es in diesen Tagen hier in Ariano Irpino gelingt, die historische Distanz in diesen Tagen wenigsten zu durchbrechen, um die Kreuzesreliquien näher zu bringen, existenzieller zu machen, ihnen ihren musealen Charakter zu nehmen. Denn, darum muss es doch gehen, die Reliquien zur "dynamischen Substanz" zu machen, zu gegenwärtigen Symbolen, die die Kraft haben, die "Fruchtbarkeitsgötter" unserer Zeit in Frage zu stellen, den Bildern von der ewig jungen Leidlosigkeit zu widerstehen, um die Menschen zum wirklichen Leben und zum wirklichen Glauben zu befähigen. Leidenschaft in der Liebe zu den Menschen - das bezeugen die Dornen und dazu sollen sie in Betrachtung und Besinnung auch wieder führen. Aber damit sie das können, müssen wir sie freisprechen von der magischen Kraft zur Gottesvergegenwärtigung und der Realpräsenz Christi dank ihrer reinen Dinglichkeit. Christus ist nicht in der Substanz, im Material dieser Dornen - er ist in der Spannung, die entsteht, wo ich als Mensch an der Welt leide und mir zugleich die Hoffnung in der Betrachtung der Glaubenswahrheit entgegenspringt. Wo ich verzage und zweifle, aber neue Kraft wächst im Verstehen dessen, dass Gott wirklich in Christus auch für mich gelitten hat, um mich durch diesen Jesus Christus hineinzuziehen in die Erlösung.

VII Schlussbemerkung

Angekündigt hatte ich einen Beitrag zum Thema "La sofferenza quotidiana e la Teologia crucis" . Nun habe ich es gewagt, meinen Ausführungen einen anderen Titel und eine andere Thematik zu geben. Ich hoffe, sie verzeihen mir! Der Grund für diese Änderung war, dass ich nicht, wie ursprünglich geplant, einfach einen evangelischen Beitrag zu einem katholischen Kontext bieten wollte. Ich habe in meinen Ausführungen nun sehr viel stärker Bezug genommen auf die Dornen-Reliquien, habe versucht diesen mir von hause aus fremden Betrachtungsgegenstand im Dialog mit meinen protestantischen theologischen Grundanschauungen zu reflektieren, auch kritische Punkte in der evangelisch-katholischen Betrachtungsweise der Glaubensdinge mit einzubringen, und ich freue mich, wenn meine Ausführungen Ihnen ein wenig Anregung geben, ja vielleicht auch Anstoß zum Gespräch sind. Herzlichen Dank.

Hans-Michael Uhl

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